Manifesto

Di seguito è riportato il testo che accompagnava la mostra personale dal titolo Manifest, tenutasi nel 2013 presso la Galleria Da Mihi di Berna, Svizzera.

Manifesto

Stefano Tondo aus Florenz war schon letztes Jahr mit einer Ausstellung in der Galerie da Mihi vertreten. Wir freuen uns, diesen aufstrebenden und spannenden Künstler als Vertreter eines modernen, jungen Italiens erneut begrüssen zu dürfen. Was kommt nach der Postmoderne, scheint sich diese neue, junge Kunst zu fragen? Tondo interessiert sich nicht für das Dickicht der Postmodernismen und all ihre Begrifflichkeiten, sondern für die metaphysisch-sinnliche Erfahrung, für den Schritt in Richtung Transzendenz und wie man diesen Schritt tun könnte. Hier geht es um Erkenntnis, um die Auflösung der Dinge oder auch um die Offenbarung ihrer Unauflösbarkeit. Am deutlichsten zeigt sich dies in seinem zentralen Werk „Selbstbildnis im Spiegel“. Rimbauds Slogan „Ich ist ein anderer“ wird hier praktisch vorgeführt. Wir betrachten uns in einem Spiegel und werden gleichzeitig von einer Videokamera gefilmt, die dieses Bild auf den Spiegel zurückprojiziert. Unmerklich geraten die Sich-selbst-Betrachtenden auf die andere Seite, erkennen sich als nicht mit sich selbst identisch, sondern als Anderer, als Alterität. Eine bizarre Erfahrung, die man sonst nur im Schlaf oder im Tod macht. Vielleicht sehen wir uns selbst in diesem Spiegel aber auch einfach so, wie uns jeweils das Gegenüber sieht. Damit versichern wir uns doch wieder einer Identität und es manifestiert sich die utopistische Idee: der Andere ist auch ich. Braucht nicht jedes Manifest schliesslich eine Utopie? „Manifest“, wie sich die neue Ausstellung von Stefano Tondo nennt, wird meist als Bezeichnung für das öffentliche Ausdrücken politisch motivierter Ansichten und Haltungen gebraucht, immer wird in Manifesten Kritik an gesellschaftlichen Zuständen geübt. Erinnern wir uns an das wohl berühmteste seiner Art – das Kommunistische Manifest. Man wollte die Auswüchse der Klassengesellschaft im 19. Jahrhundert bekämpfen. Weniger spektakulär, aber für das Informationszeitalter von heute genauso bedeutend – das Hackermanifest von 1986. Darin wurden Machtverhältnisse, die durch die Kontrolle und wirtschaftliche Ausbeutung von Information und Wissen entstanden, kritisiert. Nicht zuletzt das Dadaistische Manifest von 1918. Die Dadaisten führten das Ganze jedoch ad absurdum: sie verstanden sich als Anti-Kunstbewegung, demnach sei in letzter Konsequenz derjenige Dada, der gegen das Manifest ist. Was für ein Manifest ist nun Tondos Manifest? Gegen was soll gekämpft werden? Es scheint, als ob am ehesten die Utopielosigkeit unserer heutigen Gesellschaft kritisiert wird sowie eine Kulturindustrie, die sich vorrangig an der globalen Marktwirtschaft orientiert. Stefano Tondo will in die Materie eindringen, er ist dem Ursprung, der Essenz der Dinge auf der Spur. Deutlich ist ein spiritueller Ansatz zu erkennen. Seine in Form an einzellige Organismen oder an einen embryonalen Sternenhaufen erinnernden Skulpturen aus Messing befinden sich in einer Art Schwebezustand. Ein geheimnisvoller Zellteilungszyklus geht vonstatten. In goldenen Oberflächen bricht sich das Licht und spiegelt eine leise Ironie und poetische Zweideutigkeit wider. Tondo ist ein moderner Alchemist. In einem langwierigen Prozess bearbeitet er seine mystischen Objekte, erforscht ihr Wesen, führt einen introspektiven Dialog mit dem Material und vermengt alles zu wunderbaren, tiefgründigen Kunstwerken. Es ist dem Künstler hoch anzurechnen, wie er aus einem harten, starren Material wie Messing organische, lebendige Skulpturen heraufbeschwört, die fast unmerklich das Dasein des Galeriebesuchers durchdringen, unsere Gedanken verlangsamen, den Betrachter in eine Art meditativen Zustand versetzen.

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